Pressemitteilung
des Bund Naturschutz in Bayern e.V.
12.01.1999 /PM 3/LFGS / Artenschutz
Mittler
zwischen Mensch und Wildtier: Erfolgreiche Zwischenbilanz ein Jahr
"Biberberater" des BN
Tätigkeitsbericht
Biberberater Markus Schmidbauer
Ergebnisse des Projektes
Ausblick und Forderungen
Der 1867 in Bayern
ausgerottete Biber ist heute dank des vor 19 Jahren abgeschlossenen, erfolgreichen
Wiedereinbürgerungsprojektes des Bundes Naturschutz wieder in allen bayerischen
Regierungsbezirken und vom Spessart bis in den Voralpenraum heimisch. Der heutige
Biberbestand in Bayern wird auf etwa 2000 - 2500 Tiere in 500 bis 600 Revieren geschätzt.
Da in den letzten Jahrzehnten die Landschaft durch den Menschen immer intensiver genutzt
wurde, Fließgewässer ausgebaut wurden und die landwirtschaftliche Nutzung unmittelbar
bis an den Uferrand reicht, zugleich aber der Biber stärker als andere Tierarten seinen
Lebensraum durch Dämme und Röhren sowie Fällen von Bäumen aktiv gestaltet, können
Konflikte mit menschlichen Landnutzern entstehen. Dazu kommt, daß über mehrere
Generationen bei uns das Wissen um die Lebensweise des Bibers verloren ging. Probleme
zwischen Mensch und Biber schaukelten sich in den Schwerpunkten der bayerischen
Bibervorkommen auch rasch auf, weil Landwirte oder von Schäden Betroffene (durch vom
Biber gegrabene Röhren, Fraß an Feldfrüchten oder Überstau von Nutzflächen) bei der
Vielzahl von beteiligten Institutionen (Landwirtschaft, Wasserwirtschaft,
Naturschutzbehörden) oft von einer Behörde zur anderen weiter geschoben oder allein
gelassen wurden.
Für die Akzeptanz des Bibers in Bayern ist es also unverzichtbar, daß für betroffene
Land-, Forst- und Teichwirte rasch und unbürokratisch eine fachlich versierte Beratung
vor Ort bei Problemfällen angeboten wird. Im Herbst 1996 begann deshalb ein Modellversuch
für ein professionelles Bibermanagement im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, der unter
Federführung der Höheren Naturschutzbehörde, Regierung von Oberbayern, 1997 auf die
gesamte Region Ingolstadt ausgedehnt wurde.
Auf Grundlage dieser sehr guten Erfahrungen konnte der Bund Naturschutz mit großzügiger
Förderung des Bayerischen Naturschutzfonds und mit Unterstützung des Bayerischen
Staatsministeriums für Landesentwicklung und Umweltfragen im Januar 1998 ein landesweites
Projekt "Biberberatung" aufbauen. Zu diesem Zweck ist für drei Jahre Dipl.
Biologe Markus Schmidbauer als Biberberater des BN tätig. Er begutachtet Konflikte vor
Ort, berät die Betroffenen und leitet Abhilfemaßnahmen ein. Darüber hinaus hält er
Diavorträge zur Lebensweise des Bibers und leitet Exkursionen z.B. für Schulklassen.
Während Herr Schmidbauer schwerpunktmäßig im nordbayerischen Raum tätig ist, wird
seine Aufgabe in der Planungsregion Ingolstadt, einem Kernbereich des Bibervorkommens in
Bayern, von einem zweiten, über EU-Leader und Landkreismittel bei der
Umweltbildungsstätte "HAUS im MOOS" tätigen Biberberater, dem Wildbiologen
Gerhard Schwab, wahrgenommen, der darüber hinaus im restlichen Südbayern zugleich für
den BN arbeitet.
Diese beiden Biber-Berater informieren und beraten schnell und flexibel im Gelände; die
Spannbreite der Lösungen reicht vom Schutz wertvoller Gehölze durch Drahthosen, dem
Einsatz von Drainagen in Biberdämme zum Absenken des Wasserspiegels, dem gezielten Ankauf
von Flächen durch den BN - der dazu mit Hilfe einer Ankaufsförderung durch den
Bayerischen Naturschutzfonds von 1998 bis 2000 insgesamt 1 Mio. DM bereitstellt - oder dem
Einbau von Drahtgittern entlang von Dämmen und Straßen, um eine Unterminierung durch
Biber zu verhindern. Die Berater vermitteln für den konkreten Fall passende staatliche
Förderprogramme oder bei besonderen Härtefällen Ausgleichszahlungen des BN und können
bei besonders problematischen Ausnahmefällen auch Lebendfallen zum Fang von Bibern
einsetzen.
Tätigkeitsbericht
Biberberater Markus Schmidbauer
Der Biologe Markus Schmidbauer war 1998 1234 Stunden im Einsatz und legte v.a. in den
Regierungsbezirken Mittelfranken und Oberpfalz dafür eine Fahrstrecke von 27.885
Kilometer zurück. Insgesamt wurden 92 Problemfälle bearbeitet ( davon 75 % in der
Oberpfalz, 23 % im Regierungsbezirk Mittelfranken) und in diesem Zusammenhang 165
Ortstermine wahrgenommen. Dies erfolgt in enger und ausgezeichneter Zusammenarbeit mit dem
zweiten Biberberater Gerhard Schwab, den Naturschutzbehörden bei den Landratsämtern und
Bezirksregierungen sowie in ständigem Kontakt mit dem Landesamt für Umweltschutz, das
ebenso wie das Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen regelmäßig
über die aktuelle Situation informiert wird.
Die Problemfälle in Nordbayern traten im Zusammenhang mit folgenden Gewässertypen auf:
Natürliche Fließgewässer 47 %
Teiche 32 %
Mühlgräben 11 %
Entwässerungsgräben 6 %
Kläranlagen 2 %
Sonstige 2 %
Dabei sind folgende Probleme vorgekommen:
Kein Biber verantwortlich 8 %
Biberröhren 36 %
Biberdämme 33 %
Fällen von Bäumen 13 %
Fraß von Feldfrüchten 7 %
Sonstiges (Winterungsteiche) 3 %
Von den Problemfällen konnten 65 % gelöst werden, in 21 % der Fälle wurde bereits ein
geeignetes Lösungskonzept erarbeitet, dessen Umsetzung entweder noch läuft bzw. jetzt zu
Beginn des Jahres 1999 eingeleitet werden kann. Für 14 % der Konflikte konnte noch keine
geeignete Lösung gefunden werden. Dies hängt auch damit zusammen, daß ein Teil dieser
Probleme erst kurz vor Weihnachten bekannt wurde.
Bisher angewandte Problemlösungen:
Dammentfernen bzw. Absenken 19 %
Ausgleichszahlung 16 %
Abfang der Biber 16 %
Gespräch, Beratung 15 %
Auffüllen der Einbrüche 10 %
Ufersicherung (Versteinen, Vergittern) 7 %
Baumsicherung 6 %
Dammdrainage 3 %
Sonstiges 8 %
Aus dem BN-Härtefond wurden in 14 Fällen, deren Berechtigung vor Ort überprüft wurde,
Zahlungen geleistet. In zwei Fällen steht ein möglicher Flächenankauf durch den BN zur
Diskussion. Bei den von Markus Schmidbauer 1998 durchgeführten 7 Biberfangaktionen wurden
in Nordbayern bisher 14 Biber gefangen, von denen 7 nach Rumänien und 7 nach Belgien zu
Wiedereinbürgerungszwecken abgegeben wurden.
Bei insgesamt 24 Vorträgen 1998 wurde v.a. vor Landwirten über die Lebensweise des
Bibers informiert; insgesamt besuchten zwischen 1100 und 1200 Personen diese Vorträge.
Ergebnisse des Projektes
Das Projekt hatte einen hervorragenden Start und konnte wie beabsichtigt in zahlreichen
Ortsterminen praxis- und bürgernah helfen. Die beiden Biberberater haben 1998 bereits 184
einzelne Fälle, die sich z.T. über viele Jahre hin angesammelt und "angestaut"
hatten, vor Ort untersucht und meist auch bereits gelöst. In Südbayern wurden im letzten
Jahr 92 Fälle bearbeitet und in diesem Zusammenhang 200 Ortstermine wahrgenommen, in
Nordbayern ebenfalls 92 Problemfälle mit 165 Ortsterminen.
Während in früheren Jahren die Diskussion vorwiegend über die Medien ausgetragen und
oftmals aufgebauscht wurde, steht nun dank der Biberberater ganz klar die konkrete
Problemlösung am Einzelfall im Vordergrund. Daß die Biberberater in allen Fällen helfen
und oft bereits wenige Stunden nach dem Anruf vor Ort als kompetente Gesprächspartner zur
Verfügung stehen, hat die Akzeptanz für den Biber selbst bei von Problemfällen
Betroffenen deutlich erhöht.
Der Beratungsbedarf zeigt deutliche regionale Unterschiede: er konzentriert sich in
Nordbayern derzeit auf Mittelfranken und v.a. die Oberpfalz, in Südbayern auf den
Regierungsbezirk Oberbayern (Region Ingolstadt).
Positiv hat sich auch die Situation in Mittelfranken entwickelt. Gemeinsam mit den
Naturschutzbehörden, dem Landschaftspflegeverband, den Kreisgruppen Ansbach und
Weißenburg-Gunzenhausen des Bund Naturschutz und Dr. Dietrich vom Bayerischen
Bauernverband gelang es, die 1997 aufgeheizte Biberdiskussion wieder auf eine sachliche
und inhaltlich korrekte Ebene zu bringen. Grundlage dieses Erfolges eines Miteinanders von
Landwirtschaft und Naturschutz war eine seit Mai 1997 durchgeführte bezirksweite
Biberkartierung in Mittelfranken. Es war die erste und bisher einzige Biberkartierung in
Bayern, die einen ganzen Regierungsbezirk abdeckte. Ermöglicht wurde dies durch den
Bezirk Mittelfranken, der diese Kartierung finanziell gefördert hat. Für die
aufgetretenen Probleme konnten bei Ortsterminen Lösungsmöglichkeiten angeboten werden.
Das Hauptproblem waren vor allem Biberdämme, die zur Vernässung angrenzender Flächen
führte. Neben geeigneten Vor-Ort-Problemlösungen fanden zahlreiche
Informationsveranstaltungen statt. Am 1.12.98 wurde bei einem gemeinsamen und
rückblickenden Erfahrungsaustausch in Leutershausen von allen Beteiligten und Betroffenen
Zufriedenheit geäußert.
In der Oberpfalz macht sich bemerkbar, daß die besonders geeigneten Habitate an den
mittleren und größeren Gewässern mit Biberrevieren besetzt sind. Die geschlechtsreifen
Jungtiere, die nach 2 Jahren das elterliche Revier verlassen und sich auf die Suche nach
einem eigenen Revier begeben, sind gezwungen in Klein- und Kleinstgewässer einzuwandern.
Dort kommt es dann häufiger zu Konflikten, da diese Gewässer entweder angestaut werden
müssen oder sich die Biber in Teichen niederlassen, was dazu führen kann, daß
Teichdämme durch die Grabtätigkeit der Biber gefährdet werden.
Der BN fordert daher, daß bei der vom Bayerischen Landwirtschaftsministerium für dieses
Jahr ohnehin geplanten Überarbeitung der staatlichen Förderrichtlinien für Teichbauten
Dammsicherungs- und Sanierungsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem Biber auch bei
bestehenden Fischteichen künftig gefördert werden können!
Positiv anzumerken ist, daß die Bereitschaft der meisten Teichwirte zu kooperativen
Gesprächen vorhanden ist. Diese Gesprächsbasis muß jetzt genutzt werden, um Probleme
zusammen mit neuen Förderrichtlinien so bald als möglich in den Griff zu bekommen.
Beratung vor Ort, Neuanlage von Uferstreifen, gezielter Einsatz vorhandener Fördermittel
(Kulturlandschaftsprogramm, Vertragsnaturschutzprogramm) sowie ein Fond für Härtefälle
- damit lassen sich fast alle sogenannten Problemfälle lösen. Es gibt aber wenige
Ausnahmefälle, bei denen andere Lösungen gefragt sind. Biber in den Schönungsteichen
einer Kläranlage, an gefährdeten Teichdämmen oder in wichtigen Entwässerungsgräben
können fehl am Platze sein. Hier ist auch nach Auffassung des BN ein gezielter Wegfang
mit Lebendfallen möglich. Seit dem Winter 1996/97 bis Dezember 1998 wurden unter
Betreuung der Biberberater 136 Biber in Bayern - meist an seit vielen Jahren
problematischen Stellen - gefangen und für offizielle Wiedereinbürgerungsprojekte nach
Kroatien, Ungarn, Rumänien und Belgien transportiert.
Ausblick und Forderungen
Der Einsatz von qualifizierten Beratern als Mittler zwischen wiedereingebürgerten oder
sich ausbreitenden, prominenten Wildtieren und v.a. der ländlichen Bevölkerung wird in
anderen Ländern z.B. auch bei Braunbär oder Luchs mit Erfolg praktiziert. In Bayern
stehen nun dank der Förderung durch den Bayerischen Naturschutzfonds endlich landesweit
Beratungsmöglichkeiten vor Ort zur Verfügung - aber es fehlen die staatlichen
Fördermittel, die zur örtlichen Problemlösung eingesetzt werden müßten.
Hintergrund ist eine dramatische Mittelknappheit bei den vom Freistaat jährlich für den
gesamten Naturschutz zur Verfügung gestellten 40 Mio. DM für Vertragsnaturschutz- und
Landschaftspflegeprogramm. Die Nachfrage von Landwirten oder Landschaftspflegeverbänden
z.B. im Bereich Biotoppflege ist viel höher als das Angebot. Darunter leiden auch
spezielle Fördermaßnahmen im Zusammenhang mit dem Biber: es können z.B. kaum noch neue
Verträge z.B. zur Nutzungsextensivierung am Flußufer abgeschlossen werden, die eine der
wichtigsten Maßnahmen zur Konfliktvermeidung sind. Wichtig wäre auch, die Programme
finanziell attraktiver zu gestalten, um die Landwirte leichter von einem Abschluß
überzeugen zu können. Dies gefährdet das gesamte konstruktive Bibermanagement in
Bayern. Eine deutliche Erhöhung der Etatansätze - der BN fordert eine Aufstockung der
landesweiten Naturschutzmittel auf 70 Mio. DM, auch für die Erfüllung der zusätzlichen
Aufgaben des seit vier Monaten geltenden neuen Bayerischen Naturschutzgesetzes - und
Sondermittel für Maßnahmen im Zusammenhang mit Bibervorkommen, v.a. an Fischteichen,
sind dringend erforderlich.
Der Aufgabenschwerpunkt der beiden Biberberater soll sich in den nächsten Jahren
zunehmend von der Lösung von Konflikten im Einzelfall zu Konzepten zur langfristigen
Konfliktvermeidung entwickeln. Gefordert ist die Renaturierung von Auen und
Flußlandschaften und mehr Abstand zwischen landwirtschaftlicher Nutzung und
Fließgewässer! Legion sind entsprechende Zielaussagen im Landesentwicklungsprogramm,
Regionalplänen, in meist nach sogenannten "Jahrhunderthochwässern" gefaßten
Landtagsbeschlüssen oder im neuen Bayerischen Naturschutzgesetz, Art. 1: danach
"sind Auwälder zu schützen, zu erhalten, und soweit erforderlich,
wiederherzustellen", gleiche Schutzziele gelten für die "natürliche oder
naturnahe Bodenvegetation in Talauen".
Diese Ziele sind aber nicht nur aus der Sicht des Biberschutzes erforderlich, sondern es
sind vorrangige wasserwirtschaftliche Ziele des Freistaates. Uferstreifen, wieder
mäandrierende Gewässer, weiter vom Fluß zurückgesetzte Dämme, Flüsse die wieder mehr
Raum bekommen, neue Auentümpel und Altwässer - nicht nur der Biber, sondern Tausende
anderer Arten und hochwassergeplagte Menschen würde von dieser neuen (alten)
Auenlandschaft profitieren. Die für den Biberschutz investierten Gelder sind damit
hochrentabel für die gesamte Gesellschaft. Der Biber kann damit Katalysator sein für die
überfällige Renaturierung bayerischer Talauen. Deshalb: Auf zu neuen Ufern - mit dem
Biber!
gez. Dr. Kai Frobel
Referatsleiter Arten- und Biotopschutz
Prof. Dr. Hubert Weiger
Landesbeauftragter
Markus Schmidbauer
Dipl. Biologe,
Biberberater |