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Landschaftsentwicklung unter dem Einfluß des Bibers

von Ralf Schulte, NABU-Akademie Gut Sunder, Winsen/Aller

1. Einleitung

Biber gelten allgemein als die Landschaftsgestalter unter den Tieren. Eine große Zahl von wissenschaftlichen und populären Veröffentlichungen widmet sich dem Einfluß des Bibers auf seinen Lebensraum - von ethologischen Darstellungen des Bauverhaltens bis zur Beschreibung von Veränderungen in den aquatischen und terrestrischen Lebensgemeinschaften (s. SCHULTE 1984). Im folgenden Beitrag sollen die wichtigsten Befunde kurz zusammengefaßt und die Bedeutung des Bibers als Dynamikfaktor in der Entwicklung von Fluß- und Waldlandschaften skizziert werden.

2. Habitatveränderungen durch Biber

Beide rezenten Biberarten leben semiaquatisch. Die Uferräume von Bächen, Flüssen und Seen stellen die bevorzugten Habitate dar. Der eigentliche Wasserkörper wird vorrangig zur Fortbewegung und Feindvermeidung genutzt. Nahrung suchen die Biber sowohl in den limnischen als auch terrestrischen Lebensräumen, wobei sie bis zu 200 m tief in die ufernahen Wälder eindringen.

Bäche und Flüsse, die aufgrund eines niedrigen Wasserstandes den Bibern keine hinreichenden Möglichkeiten zum Schwimmen und Tauchen bieten, werden durch Dämme angestaut. Mit der Anlage von Biberteichen sowie den damit einhergehenden Fällungen ufernaher Gehölze zur Gewinnung von Nahrung und Baumaterial initiieren die Biber in naturnahen Wald- und Flußlandschaften dynamische Entwicklungen: Sie verändern die Morphologie des Gewässers, beeinflussen das hydrologische Regime und wirken damit indirekt auf die biogeochemischen Kreisläufe des Ökosystems ein. Die Folge sind drastische Veränderungen in der Zusammensetzung und Diversität der Lebensgemeinschaften (CLIFFORD et al. 1993, NAIMAN et al. 1994); denn unter dem Einfluß der Biber entwickeln sich Fließgewässerökosysteme zu Feuchtgebieten unterschiedlichster Ausgestaltung, wobei die Dynamik der Biberpopulation, die Mobilität der Tiere sowie die Lebensdauer der Biberteiche die räumliche und zeitliche Dimension der Entwicklung bestimmen (vgl. JOHNSTON & NAIMAN 1990a).

Neu entstandene Biberteiche bieten aufgrund ihrer Wasserqualität, den höheren Temperaturen und dem Nährstoffreichtum für eine Reihe von Fischarten optimale Lebensbedingungen. In Trockenperioden stellen sie bedeutsame Habitate für Fische und Amphibien dar. Zahlreiche Vogelarten, die auf offene Wasserflächen oder totes bzw. absterbendes Holz angewiesen sind, werden von den Biberaktivitäten begünstigt. Pflanzenfresser wie Hasen, Rehe, Rothirsche und Elche erschließen sich an den Biberteichen neue Äsungsplätze. Neuere europäische und amerikanische Untersuchungen deuten daraufhin, daß Fischotter an Biberteichen verbesserte Lebensbedingungen finden. Eine ausführliche Darstellung der biozönotischen Wechselbeziehungen findet sich bei SCHULTE & SCHNEIDER (1989b).

Biberteiche sind keine stabilen und ausdauernden Systeme. Sie existieren in der Mehrzahl nur für die Dauer einiger Jahre oder Jahrzehnte (SCHULTE & SCHNEIDER 1989a). Die höchste Produktivität entwickeln sie in den Jahren der Initialphase. Mit zunehmendem Alter läßt sowohl die Produktivität als auch die Qualität der Teiche nach. Gewöhnlich zwingen erschöpfte Nahrungsressourcen die Biber zur Aufgabe der Ansiedlung, oder Hochwässer beschädigen den Damm so sehr, daß die Teichflächen trockenfallen. Während die Biber andernorts unter Umständen erneut mit der Anlage von Teichen beginnen, bleiben an der Stelle des verlassenen Teichs nährstoffreiche Standorte zurück, auf denen sich Biberwiesen ausbilden oder das Waldwachstum erneut beginnt. Für große Pflanzenfresser (Reh, Hirsche, Elche usw.) stellen die nährstoffreichen Biberwiesen ideale Äsungsplätze dar. Durch ihren Verbiß verzögern oder verhindern sie die Wiederbewaldung, so daß die Wiesen selbst über längere Zeiträume hinweg als offene Landschaftselemente erhalten bleiben können (SCHOTT 1934).

3. Biber und Landschaftsentwicklung

Zur Beurteilung des möglichen Einflusses von Bibern auf Waldlandschaften soll im folgenden der Versuch unternommen werden, die vorgenannten Befunde hinsichtlich ihrer Flächenrelevanz zu quantifizieren. Probleme bereitet dabei zum einen die Tatsache, daß die Biber zu Beginn dieses Jahrhunderts fast vollständig ausgerottet waren und weite Teile des ehemaligen Verbreitungsgebiets erst in jüngster Zeit wiederbesiedelten, sowie zum zweiten der Sachverhalt, daß die Biber heute in mehr oder weniger stark anthropogen überformten Landschaften leben und dort nur bedingt die Möglichkeit haben, ihre ökologische Potenz vollständig zu entfalten.

Der Blick auf die in der ost- und nordeuropäischen sowie nordamerikanischen Literatur zahlreich zu findenden Angaben zur Größe von Biberteichen offenbart, daß die von Bibern initiierten Effekte nicht nur kleinflächigen Charakter haben. Die Größenangaben reichen von wenigen Quadratmetern bis hin zu mehreren hundert Hektar (DJOSHKIN & SAFONOW 1972, NAIMAN & MELLILO 1984).

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Landschaftsveränderungen durch Biber
(Quelle: Beaver Created Wetlands - Wetland Landscape Dynamics
and Avian Diversity in the Adirondacks of New York
)

Legt man des weiteren eine für naturnahe Landschaften realistische Siedlungsdichte von einer Ansiedlung pro 5 ha Fläche zu Grunde, so wird deutlich, daß die von Bibern hervorgerufenen Habitatveränderungen durchaus landschaftsprägende Größenordnungen erreichen können. Untermauert wird diese Einschätzung unter anderem durch neuere Untersuchungen aus Nordamerika, die sogar von bis zu 16 Biberkolonien/km2 berichten (CLIFFORD et al. 1993).

Den eindrucksvollsten Beweis für die Bedeutung des Bibers für die Entwicklung und Dynamik naturnaher Landschaften liefern Arbeiten aus dem Voyageurs National Park in Minnesota: Vor dreißig Jahren, als Biber noch relativ selten waren, stand rund 1 % der Landschaft unter dem Einfluß des Bibers. Heute überfluten Biberteiche 13 % der Landfläche, und auf weiteren 10 bis 15 % weisen die Pappelwälder deutliche Spuren von Biberaktivitäten auf (JOHNSTON & NAIMAN 1990b). [Video Beaver Pond growth, 1927-1990 MPEG (600Kb) des Natural Resources Research Institute der University of Minnesota]

4. Ausblick

Die bislang vorrangig in den vergleichsweise unberührten Landschaften Nordamerikas vorgenommenen Untersuchungen unterstreichen nachdrücklich die herausragende Bedeutung des Bibers für die Entwicklung naturnaher Wald- und Feuchtgebietsökosysteme. Gleichzeitig eröffnen sie neue Einblicke in das komplexe und von der Landschaftsökologie und dem Naturschutz bislang allzu häufig vernachlässigte Beziehungsgefüge zwischen Pflanzen und Tieren.

Literatur

CLIFFORD, H.F., WILEY, G.M., CASEY, R.J. (1993): Macroinvertebrates of a beaver-altered boreal system of Alberta, Canada, with special reference to the fauna on the dams. Can. J. Zool. 71, 1439-1447.

DJOSHKIN, W., SAFONOW, W. (1972): Die Biber der Alten und der Neuen Welt. Neue Brehm Bücherei, 437 S.

JOHNSTON, C.A., NAIMAN, R.J. (1990a): Aquatic patch creation in relation to beaver population trends. Ecology 71, 4, 1617-1621.

- (1990b): The use of a geographic information system to analyze long-term landscape alteration by beaver. Landscape Ecology 4, 5-19.

NAIMAN, R.J, MELILLO, J.M. (1984): Nitrogen budget of a subarctic stream altered by beaver (Castor canadensis). Oecologia 62, 50-155.

-, PINAY, G., JOHNSTON, C.A., PASTOR, J. (1994): Beaver influences on the long-term biogeochemical characteristics of boreal forest drainage networks. Ecology 75, (4), 905-921.

SCHLOSSER, I.J. (1995): Dispersal, boundary processes, and trophic-level interactions in streams adjacent to beaver ponds. Ecology 76, (3), 908-925

SCHOTT, C. (1934): Kanadische Biberwiesen. Zeitschrift d. Gesellschaft f. Erdkunde.

SCHULTE, R. (1984): Freilandbeobachtungen zum Verhalten und zur Ökologie des Bibers (Castor fiber L.) - Dokumentation eines Wiederansiedlungsversuches an einem Mittelgebirgsbach. Unveröff. Dipl.-Arb., Institut f. Zoologie, Tierärztliche Hochschule Hannover.

-, SCHNEIDER, E. (1989a): Dambuilding of European Beavers (Castor fiber) and its Importance for the Colonization of Fast Running Streams in the Eifel-Mountains (FRG). Third International Beaver Symposium, August 23, 1989, Rome, Italy (Abstract).

- (1989b): Beeinflussung von Waldlebensgemeinschaften durch den Biber. Unterricht Biologie, 13, 146, 62-65.

Lastest update: 22.08.2000
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